Leindottertag 2026 in Dolgelin

Leindottertag 2026 in Dolgelin: Von der Nische in die Fruchtfolge?

Rund 45 Experten aus Landwirtschaft, Beratung und Verarbeitung sowie weitere Interessierte trafen sich am 9. Juni 2026 zum Leindottertag in Dolgelin. Bei der Fachveranstaltung inklusive Feldbesichtigung wurde deutlich, welches Potenzial in dieser bislang unterschätzten Kultur steckt.

Nach einem gemeinsamen Frühstück eröffnete Dr. Herbert Miethke den Leindottertag. Als aktiver Anbauer koordiniert er den Anbau für das Unternehmen Worlée, das Leindotteröl als Rohstoff für Lacke und Bindemittel verarbeitet. Miethke betonte, dass der Leindottertag vor allem dem Austausch zwischen Praxis, Industrie, Züchtung und Beratung dient – damit sich Leindotter von einer Nischenkultur zu einer verlässlichen Ergänzung in der Fruchtfolge entwickeln kann.

Leindottertag 2026: Vom Feld in die Industrie

Den Auftakt des Fachprogramms machte das Unternehmen Worlée mit einem Einblick in die industriellen Anforderungen an pflanzliche Öle. Am Beispiel des Kunden IKEA wurde aufgezeigt, wie stark die Klimabilanz und CO₂-Äquivalente (Treibhausgas-Potenzial) heute die Rohstoffauswahl beeinflussen.

Vergleich des CO₂-Fußabdrucks verschiedener Öle

  • Camelina-Öl (Leindotter): 1- 1,5 CO₂-Äquivalente
  • Leinöl: 1,6 – 2,0 CO₂-Äquivalente
  • Sojaöl: 2,2 – 3,0 CO₂-Äquivalente
  • Sonnenblumenöl: 2,5 – 3,5 CO₂-Äquivalente

Leindotteröl liegt in diesem Vergleich besonders günstig, was es für Anwendungen in Lacken und Farben interessant macht. Für die Möbelindustrie bedeutet dies, dass sich durch den Einsatz von Leindotteröl in Beschichtungen erhebliche Mengen an Treibhausgasemissionen einsparen lassen, ohne Abstriche bei Qualität und Funktionalität machen zu müssen.

Worlée machte deutlich, dass das Unternehmen an einer Ausweitung des Leindotteranbaus interessiert ist, um künftige Bedarfe decken zu können. Die Botschaft an die landwirtschaftliche Praxis war klar: Es gibt einen wachsenden Markt für Leindotteröl, wenn es gelingt, stabile Qualitäten und ausreichende Mengen zu liefern.

Leindotter-Anbau: Ackerbauliche Herausforderungen und Chancen

Prof. Knut Schmidtke von der HTW Dresden ging auf die ackerbaulichen Besonderheiten und Herausforderungen des Leindotteranbaus ein. Ein wesentlicher Punkt ist das sehr geringe Tausendkorngewicht von nur etwa 1 bis 1,5 Gramm. Dies erfordert eine präzise und flache Saatbettbereitung. Die optimale Ablagetiefe liegt bei 1 bis 2 Zentimetern, was in der Praxis Fingerspitzengefühl bei der Einstellung der Sätechnik voraussetzt.

Schmidtke ging außerdem auf die Unkrautunterdrückung ein, die Leindotter gegenüber samenbürtigen Unkräutern leisten kann. Die Pflanzen bilden Glucosinolate und scheiden diese teilweise über die Wurzeln in den Boden aus. Durch die Umwandlung zu Isothiocyanaten wird die Keimung von samenbürtigen Unkräutern gehemmt. Dieser allelopathische Effekt trägt dazu bei, den Unkrautdruck zu reduzieren, und eröffnet gerade für den ökologischen Landbau interessante Möglichkeiten.

In der anschließenden Diskussion wurden praktische Erfahrungen zur Fruchtfolge, zum Umgang mit Trockenphasen und zu Krankheiten ausgetauscht. Deutlich wurde, dass Leindotter zwar robuste Eigenschaften mitbringt, die Kultur aber noch mehr betriebliche Erfahrung und agronomische Feinabstimmung benötigt, um ihr Potenzial voll auszuschöpfen.

Leindottertag 2026 in Dolgelin: Leindotter Feldbesichtigung
Leindottertag 2026 in Dolgelin: Leindotter Feldbesichtigung. © Dr. Andrea Lüttger

Leindotter-Züchtung: Nischenkultur mit komplexem Genpool

Christian Gaisböck von der MFG Deutsche Saatgut GmbH legte den Fokus auf die züchterische Seite von Leindotter. Aktuell fristet diese Kultur züchterisch ein Nischendasein, obwohl es bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine intensive Leindotterzüchtung gab. Aus dieser Zeit stammt beispielsweise die Sorte „Calina“, die sich durch Gesundheit, Trockenheitstoleranz und Widerstandsfähigkeit auszeichnet und bis heute im Anbau ist.

Trotz dieser positiven Eigenschaften sind der Anbauumfang und somit die wirtschaftliche Basis für Züchtungsprogramme derzeit begrenzt: In Brandenburg werden ca. 2.500 Hektar, deutschlandweit rund 4.000 Hektar und in Österreich etwa 8.000 Hektar Leindotter angebaut. Für die Züchtung ist das zu wenig, um über Lizenzgebühren einen ausreichenden Erlös zu erzielen.

Hinzu kommt, dass Leindotter einen komplexen genetischen Hintergrund mit 3 Genomen besitzt. Das macht die Verankerung neuer Merkmale züchterisch aufwendig. Um den genetischen Pool zu verbreitern, ist eine Einkreuzung von Wildarten nötig, was den Prozess zusätzlich verkompliziert. Perspektivisch könnten präzisere Zuchtmethoden wie CRISPR/Cas helfen, doch wirtschaftlich interessant wären größere Programme erst ab einem Anbauumfang von etwa 30.000 Hektar. Selbst dann würde es schätzungsweise acht Jahre dauern, bis neue Sorten marktreif sind. Hoffnung machen jedoch aktuelle Sortenentwicklungen in Kanada, die zeigen, dass international Bewegung in die Leindotter-Forschung kommt.

Regionale Wertschöpfung: Leindotter als Bindeglied

Der Förderkreis Biozyklisch-Veganer Anbau e. V. stellte seine Arbeit anhand von zwei laufenden Projekte vor:

  • ProRegio – „Regionale Zukunftshöfe: Wissenslücken schließen für die Proteinwende“ (März 2025 – Dez. 2027)
    Leitung: Kristin Höhlig
    Geplant sind u. a. sechstägige Informations-Feldtage auf Best-Practice-Betrieben, Online-Weiterbildungen, kontinuierliches Coaching für ausstiegsinteressierte Betriebe sowie Impulse für Forschungsfragen und Abschlussarbeiten.
  • VegWERT (März 2026 – Februar 2029)
    Leitung: Alina Gieseke
    Dieses Projekt zielt mit einem Gesamtbudget von rund 189.000 Euro auf den Aufbau biozyklisch-veganer Wertschöpfungsketten in der Region Brandenburg–Berlin–Sachsen ab. Zu den Maßnahmen gehören Initialveranstaltungen, Beratungsangebote, wissenschaftliche Begleitung (Marktforschung und Masterarbeiten) sowie Messeauftritte und Öffentlichkeitsarbeit.

In der Diskussionrunde wurde deutlich, dass Leindotter als heimische Ölpflanze gut zu den Zielen dieser Projekte passt. Die Kultur verbindet Aspekte der Klimabilanz, der Biodiversität und der regionalen Verarbeitung und kann so eine Rolle in biozyklisch-veganen Produktionssystemen spielen.

Feldbesichtigung, Drohneneinsatz und Praxisaustausch

Der praktische Teil führte die Teilnehmenden auf einen Leindotterschlag im 15 Kilometer entfernten Lebus. Vor Ort ergab sich die Gelegenheit, nicht nur den Pflanzenbestand zu begutachten, sondern auch einen Drohneneinsatz live mitzuerleben.

Agrar-Drohnen-Einsatz beim Leindottertag 2026 auf dem Leindotterschlag in Lebus.
Agrar-Drohnen-Einsatz beim Leindottertag 2026 auf dem Leindotterschlag in Lebus. © Dr. Andrea Lüttger

An der Agrar-Drohne war ein 20-Liter-Tank montiert, aus dem über Spritzdüsen, die unterhalb der hinteren Propeller angebracht waren, ein Pflanzenstärkungsmittel ausgebracht wurde. Das verdeutlichte, wie sich punktgenaue Applikation und minimaler Bodendruck kombinieren lassen. Gleichzeitig gab es rege Nachfragen zu Zulassung, Dokumentation und Wirtschaftlichkeit dieser Technik aus.

Am Schlag selbst wurden der aktuelle Entwicklungsstand der Bestände, der Krankheitsdruck und die Anbaustrategien in diesem Jahr besprochen. Die Teilnehmenden tauschten Erfahrungen zu Saatzeit, Mischkulturen und Erntestrategien aus und diskutierten über unterschiedlichste Herausforderungen aus der Praxis.

Leindottertag 2026 in Dolgelin – Ein Fazit

Der Leindottertag in Dolgelin 2026 hat gezeigt, dass die Kultur zwar noch in der Nische steckt, aber deutlich an Bedeutung gewinnen kann. Die Kombination aus stabiler Nachfrage der Industrie, klaren Klimavorteilen, ackerbaulichen Stärken und neuen Projekten im Bereich biozyklisch-veganer Wertschöpfungsketten bietet dafür eine gute Ausgangsbasis.

Gleichzeitig wurden die offenen Punkte klar benannt: begrenzte Anbauflächen, ein züchterisch anspruchsvoller Genpool und der Bedarf an mehr Praxiserfahrung. Dass rund 50 Personen an einem Werktag nach Dolgelin gekommen sind, ist ein deutliches Signal, dass Interesse und spürbare Bereitschaft vorhanden sind, Leindotter voranzutreiben. Die Teilnehmenden nutzten den Tag intensiv, um neue Kontakte zu knüpfen und konkrete Impulse für die eigene Praxis mitzunehmen.

Der Leindottertag 2026 in Dolgelin war mehr als ein klassischer Feldtag: Ein produktives Netzwerk- und Arbeitstreffen entlang der gesamten Kette vom Acker über die Verarbeitung bis hin zur Vermarktung. Die Veranstaltung hat gezeigt, dass Leindotter in der regionalen Landwirtschaft eine feste Zukunft haben kann.

von Dr. Andrea Lüttger